Reservisten bleiben auch in Zukunft für das Heer unverzichtbar
von Generalleutnant Günter Weiler, Stellv. Inspekteur des Heeres

2006 war ein Jahr, in dem wir in aller Bescheidenheit aber auch mit Selbstbewusstsein und Stolz das 50-jährige Bestehen des Deutschen Heeres gefeiert haben. Fünf Jahrzehnte Deutsches Heer, das steht für fünf Jahrzehnte erfolgreichen Einsatzes für Frieden, Freiheit und Sicherheit unseres Landes. Ein Erfolg, der auch in der Zukunft nur durch die gemeinsame Anstrengung aller Angehörigen des Heeres gelingen kann, den Aktiven und den Angehörigen der Reserve.

Die „ZiFKras“ sind seit zwei Jahrzehnten Teil dieses Erfolges. Ihr langjähriges Engagement für die Belange der Streitkräfte und Wirken als Multiplikator in unserer Gesellschaft waren und sind eine wertvolle Unterstützung, die Dank und Anerkennung verdient.

Diese Unterstützung ist von wesentlicher Bedeutung für die Streitkräfte. Denn die Sicherheit Deutschlands im 21. Jahrhundert ist globalen Bedrohungen und Risiken ausgesetzt. Zugleich scheinen die bislang klar zu ziehenden Grenzen zwischen innerer und äußerer Sicherheit und Bedrohung zunehmend zu verschwimmen.

Mehr als je zuvor entsteht im Zuge eines sich schneller und dynamischer entwickelnden Sicherheitsumfeldes ein unterschiedliches Bedrohungsbewusstsein und eine unterschiedliche Lastenteilung des Staatsbürgers mit und ohne Uniform.

Die Einsätze auf dem Balkan, in Afghanistan und wie zuletzt im Kongo, aber auch hier in Deutschland tragen den Herausforderungen an unsere Sicherheit in besonderer Weise Rechnung.

Nahezu 28.000 Heeressoldaten waren in diesem Jahr durch Einsätze im In- und Ausland, durch internationale Verpflichtungen im Rahmen der schnellen Eingreifkräfte von NATO und Europäischer Union sowie durch Einsatzvor- und -nachbereitung gebunden, über 100.000 Heeressoldaten allein in den letzten zehn Jahren, dabei mehr als 10.000 Reservisten. Das Deutsche Heer ist ein Heer im Einsatz, mit allen Konsequenzen.

Sein Aufgabenspektrum reicht heute von Einsätzen hoher Intensität, wie z.B. Einsätze im Rahmen der schnellen Eingreiftruppen von NATO und Europäischer Union sowie Kampf gegen den Terrorismus über Stabilisierungsoperationen zur Unterstützung des „Nation Building“ bis hin zu Hilfeleistungen bei Katastrophen. Damit einhergehend sind auch die Anforderungen an den Heeressoldaten gestiegen. Der Heeressoldat muss kämpfen können, wenn er kämpfen muss. Zusätzlich müssen die Soldaten in der Lage sein, anvertraute Menschen und ihr Gut zu schützen, zwischen Konfliktparteien zu vermitteln und in Notlagen zu helfen.

Streitkräfte alleine können jedoch nie die Lösung von Krisen und Konflikten sein. Ihre Aufgabe ist es vielmehr, sichere Rahmenbedingungen, ggf. durch Kampf, zu erzwingen, in dem weitere politische Maßnahmen zum Wiederaufbau anzusetzen haben. Folgerichtig ist der Einsatz von Soldaten wie auch von Angehörigen der Reserve im gesamten Intensitätsspektrum vom Kampf bis zur Hilfeleistung immer nur Teil einer ressortübergreifenden „vernetzten“ Sicherheitspolitik. Darauf ist das Heer auszurichten.

Wo stehen wir zum Ende des Jahres 2006 mit dem Umbau des Heeres? Organisatorisch, strukturell, personell und mit Blick auf die Ausbildung ist das Heer gut aufgestellt. Ziel, Richtung und Konzepte stimmen. Bei der Ausrüstungsplanung konnte bei einigen wichtigen Projekten, die unmittelbar den Schutz aber auch die Wirkung unserer Soldaten im Einsatz erhöhen, ein erster Einstieg geschafft werden. Dafür stehen unter anderem im Rahmen des Individualschutzes das System „Infanterist der Zukunft“ und „Soldat im Einsatz“ sowie beim Aufbau einer geschützten Fahrzeugfamilie als Beispiel DINGO, ESK MUNGO, BV 206 und ganz besonders das GTK BOXER.

Doch bei allen erzielten Erfolgen bleibt die materielle Hinterlegung aller für den Einsatz unserer Soldaten benötigten Fähigkeiten eine große Herausforderung für das Heer, um den angestrebten erforderlichen Systemverbund zu realisieren. Die neuen Hubschrauber TIGER und NH 90, vor allem auch das Waffensystem PUMA als Nachfolger des in die Jahre gekommenen Schützenpanzers MARDER, werden Wirksamkeit und Glaubwürdigkeit unserer Soldaten im Einsatz verbessern. Für die Soldaten im Einsatz ist dies unverzichtbar. Das gilt sowohl für Qualität und die neuen Fähigkeiten aber auch für die notwendigen Beschaffungsumfänge, die den Anforderungen für Einsatz und Ausbildung entsprechen und sich in der Zuweisung von Haushaltsmitteln in den nächsten Jahren widerspiegeln müssen.

Strukturell erfolgt der Großteil aller Maßnahmen in den nächsten beiden Jahren. Allein in diesem Zeitraum werden 21 Verbände aufgelöst. Bis Ende 2008 wird das Heer seine neue Struktur mit wenigen Ausnahmen eingenommen haben. Für unsere Soldaten und ihre Familien bringt dieser Wandel erhebliche Belastungen durch Umgliederungen, Verlegungen, Standortschließungen und Versetzungen mit sich – zusätzlich zu den ohnehin beträchtlichen Belastungen, die durch die Auslandseinsätze gegeben sind. Natürlich bringt dieser Umbau und auch die Neuorganisation der Reserve in den Streitkräften für die Reservisten erhebliche Veränderungen mit sich.

Ich habe großes Verständnis für die mancher Orts geäußerten Befürchtungen, zukünftig keine militärische Heimat und keine Verwendung als Reservist zu finden. Genau aus diesem Grund hat sich das Heer bei der vorschnellen Auflösung der nicht-aktiven Truppenteile bislang auch zurückgehalten. Die überwiegende Anzahl der Reservistinnen und Reservisten wird künftig in den aktiven Truppenteilen und Dienststellen ihre neue Heimat finden und entscheidend zur Einsatz- und Durchhaltefähigkeit der aktiven Truppe beitragen. Durch die nunmehr vorliegenden Entscheidungen rechne ich mit dem Beginn der Beorderungen Anfang 2007.

Auch in Zukunft wird es im Heer nicht-aktive und teilaktive Truppenteile geben. So stärken teilaktive Einheiten als Heeresbeitrag im streitkräftegemeinsamen Ansatz das territoriale Netzwerk durch den Aufbau von Stützpunkten der zivil-militärischen Zusammenarbeit. Zusätzlich werden zur Unterstützung und Erhöhung der Durchhaltefähigkeit der aktiven Truppe bei heeresspezifischen Fähigkeiten, z.B. Pioniere, Aufklärung und ABC-Abwehr, nicht-aktive Truppenteile aufgestellt. Ob beordert in Funktion oder im Rahmen der Freiwilligen Reservistenarbeit bleiben die Reservisten auch in Zukunft für das Heer unverzichtbar. Nur gemeinsam sind wir stark.

Viele Reservistinnen und Reservisten des Heeres haben im zurückliegenden Jahr im In- und Ausland mit großem Engagement und Erfolg ihren Dienst geleistet. Ich weiß, dass damit oft hoher persönlicher Einsatz aber auch ein Spagat zwischen Familien, Arbeitgeber und der Bundeswehr verbunden war. Ihnen und Ihren Angehörigen möchte ich für Ihre hohe Motivation und Einsatzbereitschaft sowie für Ihre Treue, die Sie dem Heer auch in diesem Jahr bewiesen haben, sehr herzlich danken.

Günter Weiler
Generalleutnant
Stellv. Inspekteur des Heeres

© Januar 2007 ZiFkras